Das erste Mal

15. Dezember 2021 in Allgemein

Irgendwann ist immer das erste Mal. Dem ersten Mal wohnt immer eine besondere Aufregung und ein besonderer Zauber des Neuen inne.

Am Anfang das erste Ligaturnier einer Mannschaft (in Saalfeld) oder der erste Wettkampf mit der Mannschaft als Nachzügler.

Die erste Siegesfeier, mitStil versteht sich. Der erste Aufstieg (in Jena). Die erste weite Auswärtsfahrt mit der ersten „Dienstübernachtung“ im Mannschaftsquartier vor einem Turnier (in Groß Gerau). Die ersten Tänzer, die als Solisten und Duos zusätzliche Herausforderungen in Angriff nehmen. Die erste deutsche Meisterschaft (in Dorsten).

Heute ist es die erste Weltmeisterschaft in Warschau, über die ich berichten darf. Die erste Auslandsreise der Mannschaft. Eigentlich sollte uns die Eisenbahn, konkret der Berlin-Warschau-Express hin und zurück bringen. Die hartnäckige Fehlermeldung der Buchungssoftware hieß: Platzwunsch nicht erfüllbar. Die Frau auf der anderen Seite des Bahnschalters musste sich nach einem halben Dutzend Fehlversuchen dem Computer geschlagen geben: „Tut mir leid, ich kann Ihnen keine Gruppenfahrt geben, nur Einzelfahrscheine.“ Mein Echo: „Ähm, das überlege ich mir nochmal.“

Im Flixbus waren alle Platzwünsche erfüllbar, sogar ohne Umsteigen und für den Preis mit Bahncard50. Die Devise hieß damit: zweimal neun Stunden im Doppelstockbus (überwiegend) oben sitzen. Und wir waren vor dem Zug da, der an dem Tag 45 Minuten Verspätung hatte. Gewonnen. 😉

Das Mannschaftsquartier war das Sound Garden Hotel, etwa einen Kilometer vom Wettkampfort entfernt. Neu und stylisch eingerichtet mit einigen Tücken im Detail. In den ersten Minuten gab es angeregte Ganggespräche vor den Türen in unserer 5. Etage. Damit die Doppelzimmerpartnerin im durchsichtigen Glasbad in den Genuss von etwas Privatsphäre kommen konnte.

Sonne hatten wir keine Minute in den drei Tagen Warschau. Aber das älteste Cafe der Stadt kennen wir jetzt. Dessen Tür selbst Annika nicht sofort aufbekommen hat. Aber der Kellner hat uns als Zehnergruppe dann doch zum Frühstück reingelassen.
Ein Stadtbummel bei Minusgraden ist durchaus eine Herausforderung. Insbesondere an einem Montag, einem typischen Museums-Schließtag. Eine Aufwärmrunde im Shoppingcenter mit 5G oder WLAN war eine Wohltat zwischen den Sehenswürdigkeiten, die es auch ins UNESCO-Weltkulturerbe geschafft haben.

Der Dienstag begann mit einem Spaziergang auf leicht vereisten Wegen zum Turnierort.

Der Weg: etwas vereist, aber im Dunkeln wunderschön beleuchtet
Danke Lilly, für das wunderschön gelungene Foto 🙂

Zu einem Hotel, was im Gegensatz zu unserem seine Blütezeit schon hinter sich hatte. Das Mitbringen von Essen und Trinken war unerwünscht. Aber das Angebot im Hotel ließ leider auch viele Wünsche offen. Es war der einzige Minuspunkt der WM und ein einträgliches Geschäft für die Pizzalieferdienste und Fastfood-Ketten der Umgebung.

Der Ablauf war bestens organisiert, dazu eine schön beleuchtete Tanzfläche, sogar größer als gedacht. Insgesamt viel Platz zum Aufenthalt für die vielen überwiegend Tänzerinnen und einigen wenigen Gästen verteilt auf zwei Etagen.

Apropos das erste Mal: Schocknachricht vier Tage vor der Abreise: Positiver PCR-Test und Quarantäne für Maine. Ein Tiefschlag für die Mannschaft und vor allem für Maine selbst.
Liebe Maine, schon beim Empfangen der Nachricht war es gut, dass ich gesessen habe. Du bist zum Glück Psychologin von Beruf und damit (hoffentlich) Profi beim Verarbeiten von solchen Schicksalsschlägen.

Die Notlösung: Der erste Perspektivwechsel von Annika von der Trainer- in die Tänzerposition, um den WM-Auftritt zu retten.
Na klar war ich besonders gespannt, wie es sich anfühlt, wenn ich der JMC-Cheftrainerin das erste Mal nicht beim spartenfremden Standard- oder Lateintanzen zusehen darf.
Mein Fazit: Schön war‘s. Weder ein „Hoppla, jetzt komm ich.“ noch ein „Hoffentlich sieht mich keiner.“ Annika hat sich einfach perfekt in die „Maine-Line“ der Mannschaft eingefügt.

Stichwort Rettung: In der aktuellen Lage kann man froh sein, dass die WM in Polen mit 3G-Bedingungen überhaupt stattfand. Damit konnte aus emotionaler Sicht nichts mehr schiefgehen. Oder doch?
Da ist dieser sanfte Druck im Hinterkopf, weil die erste Runde sehr wahrscheinlich auch die einzige Runde sein würde. Und wenn ausgerechnet die nicht gelingt?

Es sollte anders kommen. KonTakt hat sich in einem sehr bunten Starterfeld der Vorrunde, mit Tango-Folklore, Werfen, Requisiten und hautfarbenen Kostümen, die nach deutschen Regeln verboten sind, wirklich gut präsentiert.

Die Darbietung: Beweisfoto auf der WM-Tanzfläche (Foto: Andreas Hofmann)

Als ich mit Ina direkt nach dem Vorrundentanz die meisten Tänzerinnen voller Freude über das soeben Gesehene abklatschen durfte, kamen uns fast nur traurige und ernste Gesichter entgegen. Wir waren beide für einen Moment ratlos, warum alle so unzufrieden wirkten. Diese Ratlosigkeit hielt zum Glück nicht lange an. Weil wir kurz danach ein wunderschönes Freudenknäuel im Umkleidebereich vorfanden:
Aus dem deutschen Teamkapitän-Chat war durchgesickert: Alle vier deutschen Starter dürfen im Semifinale nochmal tanzen. Traumhaft.

Ich hatte in diesem Jahr als erstes Mal das Glück beim Mannschaftskreis dabei zu sein. Danke, dass ich zweimal mitmachen durfte 😊. Konnte man vor der Vorrunde die Anspannung jedes Einzelnen förmlich greifen, war die Mannschaft vor dem Semifinale nah beieinander voll im Turnier angekommen. Ein Durchgang ohne Druck zum Genießen dieser WM lag in der Luft. Vielleicht gerade weil in dieser Runde nicht alle schwierigen Elemente perfekt geklappt haben, war es voller Hingabe getanzt und emotional einfach zu schön: Ich durfte nach längerer Zeit mal wieder Tränen vergießen. Mädels, ich danke euch dafür. Der perfekte Abschluss für das Jahr 2021 und diese WM.

Ich glaube, der Platz 14 von 22 war am Ende weniger wichtig als die gewonnenen Eindrücke und das Gefühl: Das war das erste und vielleicht einzige WM-Erlebnis als Tänzerin. Nehmen wir von diesem Lebenstraum einfach alles mit, was geht. Z.B. die offiziellen Bilder und Videos der beiden Runden oder auch die offiziellen WM-Pullover.

Für alle deutschen Mannschaften war nach dem Semifinale Zuschauen angesagt. Danke an den Team-Support Johannes & Jakob, die eine große McDonalds-Hilfslieferung bei der Security durchgebracht haben ;-).
Endlich Essen!! Auch Deutschlands Teamkapitänin Manuela Weiß und dem Team-Deutschland-Fotografen Andreas Hofmann konnten wir etwas abgeben.
Von der „Hungersnot“ im Saal waren insbesondere die beiden betroffen, weil sie nicht wirklich rausgehen konnten.

Der Support für unsere verbliebenen Landsleute in den Solo- und Duo-Wettbewerben hat sich gelohnt: Nach einer für Deutschland nicht so erfolgreichen ersten Tageshälfte sagte der Sprecher am Ende des Tages bei der Siegerehrung: New World Champion with the marks one, one, one, one, one, one and a beautiful one for Christian Weiß from Germany. Nach zahlreichen polnischen und slowenischen Nationalhymnen durften wir endlich einmal die deutsche Hymne bei den jugendlich männlichen Solisten hören.

Der Lohn: Pure Freude nach guter Performance

Jetzt, wieder zu Hause in Dresden, bleibt das Gefühl: Schön war‘s in Warschau.
Eine weitere Steigerung fürs „erste Mal“ kann es definitiv nicht geben. Aber vielleicht ein zweites Mal. Oder ein erstes Mal ohne Corona mit noch mehr Aktiven aus noch mehr Ländern.

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