Ein Blick über den Tellerrand: Irish Dance

17. Januar 2009 in Artikel

2. Cos Gaelacha mit Sachsenmeisterschaft

Facetten hat der Tanzsport bekanntlich viele. Zahlreiche Verbände hat er auch. Und zuweilen haben diese Verbände einige Differenzen. Das es auch anders geht, zeigt die Zusammenarbeit zweier Dresdner Vereine: Irish Feet und Excelsior.
Dieser Glücksumstand bescherte den Clubräumen des DTV-Mitgliedsvereins die zweite Auflage eines überregionalen Irish-Dance-Turniers: Der 2. Feile Cos Gaelacha Sachsenmeisterschaft ausgerichtet von Irish Feet Dresden und der Albain School of Irish Dancing ganztägig am 17.01.2009. Wir Standard/Lateintänzer würden es vermutlich schnöde mit 2. Sportturnier übersetzen. Man lernt dabei, dass die Feile nicht nur in deutschen Werkzeugkoffern zu finden ist, sondern hier vom gälischen Wort Fei für Wettbewerb abstammt.

Für ein solches Turnier benötigt man tatsächlich einen ganzen Tag, denn es geht Schlag auf Schlag: Die zahlreichen Tänze und Taktarten – die alle einzeln, in kleinen und größeren Grüppchen und selbstverständlich in unterschiedlichen Geschwindigkeiten, Alters- und Leistungsklassen (Basic, Primary, Main, Open) getanzt werden wollen – erfordern eine straffe Turnierleitung.

Die hatte Tec Dian aus Merseburg – so der Künstlername des Turnierleiters – auch zu bieten. In Kommandosprache wurden auf dem mit Spezialfußboden abgedeckten Parkett anstatt Walzer und Samba die Reels, Jigs und Hornpipes in den Alterskategorien over und under 15 angekündigt und an einer Klapptafel umgeblättert. Nicht verwunderlich, das zwischendurch eine Tänzerin aufgeregt auf einen Mitstreiter zulief: „Los Roland, wir sind dran. Schnell, die Softschuhe anziehen.“ Das Schuhwerk ist in der Tat das augenfälligste Unterscheidungsmerkmal zwischen den zwei wesentlichen Tanzarten: Light Dances für geräuschloses Tanzen in Softschuhen. Heavy Dances, wenn der Rhythmus der Musik von einem kaum oder gar nicht (a)synchron verzögerten Echo der harten und lauten Polymersohle des Schuhs begleitet wird.

Irish-Dance betrachtet man als aufmerksamer Zuschauer zweckmäßigerweise im Stehen. Das Schauen auf die Füße und Beine sowie zuweilen auch unter das hochfliegende Röckchen der fast ausschließlich weiblichen Teilnehmer ist wesentlicher Blickfang. Daher sind die obligatorischen Strumpfhosen auch zu 90% blickdicht…

2009_01_irishdance_westerweg

Während beim Standard/Lateintanzen mind. 5 Wertungsrichter stehen müssen, darf beim Irish-Dance ein Wertungsrichter sitzen. Als Turniertänzer mag man es kaum glauben, aber die Mitglieder der Irish-Dance-Familie sind mit dem messerscharfen Urteil eines Jurors zufrieden. Meistens ist dies ein teurer Import aus Irland. Diesmal legte der Veranstalter das Wertungsgeschick in deutsche Hände: Anne Westerweg aus Iserlohn hatte den überaus anstrengenden Job. Sie genoss bei den Teilnehmern den notwendigen unumstößlich guten Ruf, wie in unseren Kreisen vielleicht ein Christoph Kies. Für den „Notfall“ hatte Sie ein wesentliches Hilfsmittel auf dem Tisch: Ein Glöckchen. Wenn das klingelte, hatte Sie ausreichend gesehen und die Tänzer verzichteten artig auf die Fortsetzung ihrer Darbietung. So muss der Turnierleiter nicht aufgeregt mit seinem Moderationszettel winken, um den Musikmann zum Herunterregeln der Lautstärke zu bewegen. Vielfach konnte die überwiegend sehr hörenswerte Musik – die keineswegs nach langweiliger Folklore klang – sogar weiterlaufen, weil der nächste Teilnehmer nahtlos an der Reihe war.

Stichwort Irish-Dance-Familie: Bei der Fülle an einzelnen Turnieren – mindestens 16 Turniere konnte jeder Teilnehmer absolvieren – tanzen am Ende doch Alle gegen Alle und Jeder mit Jedem. Der Musikmann des Turniers erklärte mir: „Die Tänzer wollen gar nicht die Einzeltänze zu Kombinationsturnieren zusammenfassen, so wie im Standard/Latein üblich. Da gehen die einzelnen Besonderheiten und Vorlieben der Tänzer verloren.“

In einem Punkt können sich alle Turnierteilnehmer im Standard/Lateinbereich glücklich schätzen: Die Startgebühr. 3 € sind für einen einzelnen Tanz zu berappen, 6 € für eine Meisterschaft oder Trophy. Die „Flatrate“ für „all you can dance“ liegt bei 34 €. So entscheidet bei der Turnierauswahl nicht immer die Kondition sondern manchmal auch der Geldbeutel. Zwangsläufig entstehen zuweilen Startfelder mit Pokalgarantie, wo man unerwartet schon vor dem Turnier als Sieger feststeht. Das tut dem Spaß an der Sache keinen Abbruch und die Wertungsrichterin fällt in jedem (Einzel)Fall geduldig ein Urteil.

Gruppenbild mit Medaillenkollektion

Gruppenbild mit Medaillenkollektion

Ein Aufstieg ist so leider nicht möglich, dazu müssen es schon mindestens 5 Konkurrenten sein. Allerdings war auch nicht jeder glücklich, als der Turnierleiter bei der großen gemeinsamen Abschlusssiegerehrung den Aufstieg verkündete: „Qualified for the next Level“. Denn das heißt wieder von vorn anfangen mit den neuen Schrittfolgen der nächsten Leistungsklasse. Doch zuvor verbeugen sich alle Teilnehmer artig nach den Worten des Turnierleiters: „One, Two, Three, Take a Bow“. Sozusagen rhythmischer Knicks und Verbeugung mit Ansage.

Schade dass die Öffentlichkeitsarbeit für diese Veranstaltung kaum zu spüren war: Leider fanden so nur ca. 50 Enthusiasten den Weg zur Abendveranstaltung, der statt „Ball“ traditionell Ceili-Abend hieß. Dort gab es richtig sehenswerte und publikumswirksame Highlights mit ansehnlichen Startfeldern zu bestaunen. Allem voran das Hartschuh-Schnellsteppen (Fast Feet), wobei alle drei Final-Teilnehmer bis zur Maximalgeschwindigkeit von 220 Takten pro Minute korrekt auf den Füßen blieben. Genauso, wie nur ein Teilnehmer beim Steppen auf einem 60 cm großen Fassdeckel (Neat-Feet) von selbigem herunterfiel und die Wertungsrichterin so nach Stepqualität den ersten Platz an eine Tänzerin aus Dresden vergab. Dass könnte man ruhig mal mit einem Standard/Lateinturnier kombinieren…

Nummer 26 (hinten blau links) ahnt noch nicht, dass Sie die Fassdeckel-Trophy gleich gewonnen hat

Nummer 26 (hinten blau links) ahnt noch nicht, dass Sie die Fassdeckel-Trophy gleich gewonnen hat

Beim Auftritt einer Prager Irish-Dance-Gruppe in der Kategorie Show sah man dann wirklich Irishdance mit Jazzdance-Elementen vom Feinsten. Die anderen Irish-Dance-Familien-Rudel aus Dresden, Cottbus, Goslar, Naumburg und Merseburg hatten da noch sichtbaren Trainingsrückstand. Der Applaus der deutschen Familie war bei dieser Leistung umso lautstarker.

Und wer noch nicht genug hatte, konnte am nächsten Tag bei einer Lecture der Wertungsrichterin gleich die richtigen Tips fürs nächste Jahr mitnehmen, wenn hoffentlich im Januar 2010 der 3. Feile Cos Gaelacha wieder in Dresden-Dobritz angepfiffen wird.

 

Hinterlasse eine Antwort

Du musst Dich einloggen, um einen Kommentar zu schreiben.

Wir benutzen Cookies, um die Nutzerfreundlichkeit der Webseite zu verbessen. Durch deinen Besuch stimmst du dem zu.
Zur Werkzeugleiste springen