Beinahe gewonnen: WM 10-Tänze in Wien

19. November 2005 in Artikel

Leidensfähig waren Sie alle: 40 unerschrockene Fans vorwiegend aus Dresden, die mit dem Bus nach Wien ausflogen, um Ihre Lieblinge Christoph & Blanca zum WM-Titel anzutreiben. Da war zunächst die frühe Abfahrtszeit am 19.11.um 3 Uhr morgens. Eine noch frühere Abreise hätte einige Mitreisende vor ernsthafte Probleme gestellt, denn der Kartenvorkauf für das Dresdener Robbie-Williams.Konzert im Juli 2006 begann erst 0 Uhr am Kulturpalast.

Hinzu kam das Schneetreiben bei kalten Temperaturen leicht unter Null Grad. Der Busfahrer vertraute ganz unerschrocken seinen fabrikneuen Winterreifen und fuhr sehr zügig über die zunehmend weiße Straßendecke vorbei an liegengebliebenen LKWs über den Paß in Zinnwald. Weniger unerschrocken war der Dieselfilter des Busses, die Verunreinigungen des Biodiesels im Tank führten just auf diesem Ausflug zu seinem Versagen. Um 7:49 Uhr war die Fahrt anstatt in Wien an einer verschneiten AGIP-Tankstelle im 100-Seelen-Dörfchen Hladov 63 km vor der österreichischen Grenze zu Ende.

Im Galgenhumor stellten einige Mitreisende fest: „Es hätte ja auch schlimmer kommen können, z.B. wenn man an einer Tankstelle inmitten der böhmischen Pampa mit dem Bus liegen bleibt“…

Das Handy des Busfahrers war nun die Hoffnungsquelle der Liegengebliebenen. Mit ihm wurden regelmäßig Service- und Notrufnummern des Motorenherstellers MAN angerufen und selten auch von diesen zurückgerufen…

Die Nerven der Wartenden lagen zunehmend blank, ein evt. erhoffter Stadtbummel in Wien musste ausfallen. Als um 12:20 Uhr ein MAN-Servicefahrzeug aus dem 55 km entfernten Velka Bites anrollte, war die erste schwere Prüfung gemeistert. Die Gewissheit, dass wir von der sprichwörtlichen böhmischen Gemütlichkeit an der Nase herumgeführt wurden (eigentlich sollte das Servicefahrzeug um 9:30 Uhr kommen), wich dank des neuen Filters einer großen Erleichterung, als sich der Bus um 12:34 Uhr wieder in Bewegung setzte.

Zum Jive der Vorrunde waren wir tatsächlich angekommen und bauten unsere Hilfsmittel auf: Spruchbänder, Rasseln, Cheerleaderausrüstung und Fahnen (z.T. ex DDR mit von Hand herausgenähten Emblemen).

Auf den Spruchbändern stand für alle deutlich lesbar, warum wir gekommen waren: <Chris & Blanca, Step 4 Gold>. In den kommenden acht Stunden wurde geschrien, angefeuert, gerasselt, Fahnen-geschwenkt, Spruchbänder gehalten, geklatscht und ab und zu wässrige Lösungen zur Stärkung der Stimmbänder nachgefüllt.

Die knapp 1000 vorwiegend einheimischen Zuschauer leisteten gegen die „hey“, „Juhu“, „Christoph“, „Blanca“, „Achtzehn“ und „Germany“ Rufe aus unserem Fanblock kaum Widerstand. Eher pikiert hielten Sie „15“ Schilder hoch, die Nennung der österreichischen Staatsmeister im Bewerb. Eine Kostprobe für gewöhnungsbedürftige übersetzungen sportlicher Fachbegriffe. Nutznießer unseres Krachs waren neben Christoph & Blanca auch Sergey Tatarenko & Wiktoria Lyschinska (Berlin, 3. JUG LAT) sowie Bernd & Monika Kiefer (Mainz, 1. SEN II), die sich danach artig bedankten. Teile des eher gehobenen akademischen Wiener Publikums, die einmal stilvoll und ruhig einer Sportveranstaltung beiwohnen wollten, aber genau die teuren Sitzplätze unterhalb von uns erwischt hatten, gingen enttäuscht nach Hause. Beim Tanzen scheint es dank uns doch nicht besser zu sein, als beim Fußball.

Am Ende des Turniers folgt immer die Minute der Wahrheit:

Die österreicher Lokalmatadoren Gschaider/Stöckl wurden sechste. Nach dem Turnier hatten Christoph & Blanca zum Ehrentanz mit diesen beiden die Partner getauscht, und die deutschsprachige Mehrheit im Saal kurzzeitig geeint. Platz fünf ging nach Tschechien (Dvorak/Silhanova), die sich nach schlechter Vorrunde steigern konnten. Danach kamen die vier Favoriten und die Spannung wurde größer: Platz vier: Cannizaro/Novozilova (Italien), die konditionell im Finale stark abgebaut hatten. Erleichterung nach Platz drei: Silde/Firstova aus Russland, die für ihre schlechte Standardleistung an diesem Abend mit Platz sechs abgestraft wurden aber verdient die Lateinsektion gewannen.

Der Moderator ließ nach seiner Ansage: „Second Place:“ eine kleine Kunstpause, in der wir uns mucksmäuschenstill anschauten.

Bitte sag endlich Slovenia!! Zu viele goldfreie Medaillen hatten Chris & Blanca schon gesammelt, zu viele tänzerische Eintagsfliegen durften schon auf den höchsten Punkte der 10 Tänze-Siegerpodeste landen und Slowenien ist (in dem Fall zufällig leistungsgerecht) amtierender Weltmeister….

Er sagte: „Germany“, die Fäuste ballten sich kurz, das Wort mit „Sch“ wandelte sich innerlich nur mühsam zu einem „Schade“. Nach einer halben Sekunde brach die ganze Wut und Enttäuschung in Form von Jubel aus uns heraus und ließ die Halle ein letztes Mal beben. Die gnadenlos gute Körperrhythmik unserer Favoriten, dessen Differenzierung man selbst in Christophs Fingernägeln noch sehen konnte, hatte sich gegen die aufgesetzte hohe Geschwindigkeit des Konkurrenten Cigoj / Novozilova wieder einmal nicht durchgesetzt. Obwohl Musikalität bereits im ersten Wertungsgebiet herangezogen werden müsste.

Die Dramatik des knappen Ergebnisses machte die Trauer eher größer:

Eine einzige Ziffernkorrektur (Tausch zweier benachbarter Zahlen) auf einem einzigen Wertungsrichterzettel hätte genügt, um das Paar 18 zum Weltmeister zu machen. Den Tanz hätte man sich mit Slowfox und Samba und den Wertungsrichter aus drei von neun Kollegen heraussuchen können…

Zum Beispiel den österreicher Günter Döller, der am dichtesten zum Epizentrum unserer Lärmquellen stand und vielleicht auch deshalb so manche eins an das Paar 18 gab, hätte nur die atemberaubenden Wellen des Weltmeisterpaars unserer Herzen im Slowfox mit einer Höchstnote zu belohnen brauchen.

Einige Mitglieder unseres Fanblocks kamen zur überzeugung, das Semifinale war die beste Runde. Nicht nur von Christoph & Blanca, sondern auch von uns Schlachtenbummlern. Auch „Fanblocking“ stellt hohe konditionelle und pietätische Anforderungen an seine Akteure. Das Anfeuern darf schließlich nicht als störender Radau wahrgenommen werden: Man muss den Turnierleiter manchmal ausreden lassen – auch wenn er den Amtshauptmann von Wien als Sponsor und Ehrengast vorstellt und sich danach eine handvoll müder Hände beim Klatschen trifft…, man muss dem unterstützten Paar auch Erholungspausen vom Dauerfeuer gönnen…

Das Wichtigste: Man muss die Wertungsrichter begeistern anstatt einschüchtern, sodass Sie dann innerlich mit den Angefeuerten mitfiebern und bei engen Entscheidungen emotional automatisch zugunsten der Helden werten. Auf diese Weise sind schon andere Sportler Weltmeister geworden.

Die Tränen von Christophs Mutti nach dem Turnier zeigten das, was viele fühlten, so glich der Bus auf der Rückfahrt einem Schlafsaal statt einem Tollhaus. Nächstes Jahr ist die WM in Moskau, einige Tollkühne träumten schon von Ausflug dorthin.

In zwei Dingen waren sich alle einig: Wir sind stolz auf die grandiose Leistung der neuen Vizeweltmeister und die WM gehört recht bald nach Deutschland, dann werden wir auf jeden Fall Weltmeister. (Auch Fanblocking kann man ja vorher noch ausreichend üben)

2005_11_wm_wien_chrisblanca

„Aach Kriesstoff, tanzen Rumba mit Dir ies so wunderscheen…
ah, vielleicht Blanca, aber ich würd‘ viel lieber meine Augen wieder öffnen und meine Finger wieder bewegen können.“

 

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